Löbtauer Medizingeschichte

Der »König von Löbtau« und sein »halber Doktor«

Veröffentlicht am Mittwoch, 22. Februar 2012

Zeit- und Medizingeschichte spiegeln sich in der Arztpraxis Malterstraße 45 wider. Ein kurzer Abriss zur Löbtauer Medizingeschichte und dem »König von Löbtau« und sein »halber Doktor«.

Löbtau. Zeit- und Medizingeschichte spiegeln sich in der Arztpraxis Malterstraße 45 wider.

Bereits Ende der 1920er Jahre ließ sich der erste Arzt in der neu erbauten Häuserzeile nieder. Dr. Viktor Hähnlein, geboren 1896, hatte mehrere populärwissenschaftliche Bücher veröffentlicht und darin u.a. auch für Arbeiterfamilien hygienische Wohnungen mit genügend Licht und Luft gefordert. So war es wohl kein Wunder, dass der junge Arzt seine „Praxiswohnung“ in der Malterstraße 45 nahm: Das rot-grüne Häuserkarree galt als Musterbeispiel für Sozialwohnungsbau. Da Viktor Hähnlein Jude war, musste er 1933 mit seiner Frau Margarete und den beiden Töchtern emigrieren.

Hähnleins Nachfolger war der Sozialhygieniker Dr. Eduard Grube. Auch er litt unter der Naziherrschaft. In Freital hatte Grube ein modernes Gesundheitssystem aufgebaut, musste aber als SPD-Mitglied aus der Stadt flüchten. Er übernahm Hähnleins Praxis samt Sprechstundenhilfe Dora Ehrlich. Arbeits- und Wohnräume lagen Tür an Tür – Grube bewohnte mit Familie und den Hausmädchen Hilde und Dora das gesamte Erdgeschoss. Die Praxis lief gut, Dr. Grube war sehr beliebt. „König von Löbtau“ habe man ihn genannt, erzählt Tochter Edda Sonnenkalb etwas verschämt. „Mein Vater hat allen Leuten Respekt gezollt, wollte, dass es allen Menschen gut geht.“ Als Leiter einer Löbtauer Luftschutzrettungsstelle versorgte Grube nach den Angriffen vom 13. Februar unter primitivsten Bedingungen Tausende Verletzte.

Nach Kriegsende baute der überzeugte Sozialdemokrat in führenden Positionen auf Stadt- und Landesebene das Gesundheitswesen wieder auf. Er ließ die Bevölkerung impfen, vereinheitlichte die Krankenversicherung, schuf Polikliniken, Kurheime und das Trachauer Krankenhaus. Später setzte er sich dafür ein, dass Dresden eine Medizinische Akademie bekam, und leitete sie von 1960 bis 1966 als ärztlicher Direktor. Am 1. März vor 45 Jahren starb Eduard Grube an den Folgen einer Grippe. „Er konnte einfach nicht krank sein“, so Tochter Edda.

In der Malterstraße arbeitete nach dem Krieg knapp 40 Jahre lang Dr. Herbert Rumpelt. „Bei Herrn Rumpelt war’s immer voll“, erinnert sich Patientin Gertraud Mütze. „Er war ganz menschlich, gar keine Allüren eines Arztes.“ Auch „der halbe Doktor“ Dora blieb der Malterstraße treu. Nachdem Dr. Rumpelt in Ruhestand ging, gehörte die Praxis ab 1984 zur Löbtauer Poliklinik. Bettina Pfannkuchen, Ursula Fasold und Renate Henkel betreuten die Patienten. „Zu Frau Pfannkuchen bin ich schon fast wie zu einer Freundin gegangen“, so Gertraud Mütze. Ab April 1991 arbeiteten Frau Pfannkuchen und Elisabeth Kuhnt als niedergelassene Ärztinnen in der Malterstraße. 2011 übernahm das Ärztepaar Töpolt die Praxis. Mit einer umfassenden Modernisierung starteten sie in einen neuen Abschnitt – nach fast 85 Jahren Praxisgeschichte.

Claudia Trache

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