»Re:Vision – Erfahrungen aus der Zukunft« | DRESDNER STADTTEILZEITUNGEN

»Re:Vision – Erfahrungen aus der Zukunft«

Löbtau persönlich

Veröffentlicht am Mittwoch, 31. Januar 2018

Felix Liebig, einer der derzeit wichtigsten Stadtteilakteure beim Aktivieren von Bürgerbeteiligung im Dresdner Stadtteil Löbtau, plaudert »aus dem Nähkästchen«. Dabei findet sich auch die ein oder andere Anregung für Bürger, die auch in ihrem Stadtteil konstruktives, demokratisches Bürgerengagement beleben wollen.

Die Sprecher der Löbtauer Runde Dr. Angela Bösche (links) und Felix Liebig (unser Autor) mit dem Kulturwegweiser »01159« und Marlis Goethe von der AG«Löbtauer Geschichte mit den von ihr entworfenen Maskottchen für das diesjährige Löbtauer Jubiläum. Foto: Archiv Steffen Dietrich

Die Sprecher der Löbtauer Runde Dr. Angela Bösche (links) und Felix Liebig (unser Autor, rechts) mit dem Kulturwegweiser »01159« und Marlis Goethe von der AG Löbtauer Geschichte mit den von ihr entworfenen Maskottchen für das diesjährige Löbtauer Jubiläum.

Foto: Archiv Steffen Dietrich

»Zukunfts­stadt Dresden 2030« prangte 2017 auf Plakaten und Bannern in Löbtau, garniert mit fluffigen Grafiken einer lokalen Illus­tra­torin: »Visuranto« hilft »Visio­nieren«. Aber: Wann ist Zukunft? Was ist Stadt? Wie ist Dresden? Und was wird 2030 sein? Es hat lange gedauert, bis mir klar war, wie denn nun die Zukunfts­stadt funktio­niert und welche Vision sie verfolgt. Ein persön­licher Erfah­rungs­be­richt.

Re:Vision

Ich wohne seit 2012 in Löbtau und engagiere mich dort ehren­amtlich als einer von zwei Sprechern der »Löbtauer Runde« und Vorsit­zender des Löbtop e. V. Mit dem Gewer­be­verein Kessels­dorfer Straße e. V. führte die Zukunfts­stadt während ihrer Phase 1 den Workshop »Nachbar­schaft und Wirtschafts­ent­wicklung im Stadtteil« durch. Mein erster Kontakt. Haupt­be­ruflich betreibe ich »Kultur- und Stadt­päd­agogik«. Daher rührt meine Idee eines »Betei­li­gungs­werk­zeuges«, das ich zur Phase 2 der Zukunfts­stadt in Workshops der Sparte »Bildung – Campus – Bürger­wissen« einbrachte und in einer Projekt­gruppe weiter entwickle. Besonders inter­es­siert hat mich auch das Zusam­men­wirken von »Zukunftstadt« und »Kultur­haupt­stadt« in diesem Prozess. Insofern war für mich die »Zukunfts­kon­ferenz« im neuen Kultur­palast sehr aufschluss­reich. So habe ich mich nach meiner Vision von jedem einzelnen der vier Begriffe des Projekt­titels »Zukunfts-Stadt Dresden 2030« gefragt:

Zukunft?

Derzeit hat das für mich mit Familie, Beruf und den nächsten paar Jahren zu tun, also der Vision von meinem täglichen Leben. Öffne ich aber meinen Blick, geht es um das »Morgen«. Doch wann ist das? Die jeweilige Folgezeit beginnt quasi in der nächsten Sekunde und die »Futuro­logie« entwi­ckelt daraus ganze Zukunfts­mo­delle. Doch in meinen Augen geht es immer erstmal darum, Neuland zu betreten, also nicht nur um Ideen, sondern auch um Raum. Wie zum Beispiel unser neuer Stadt­teil­laden! Nicht nur darum, Visionen zu entwi­ckeln, sondern in Anlehnung an den Ursprung des Wortes Zukunft um den hier gar nicht tradi­tionell gemeinten »Ad-Vent«, sprich das An-Kommen in einer anderen Zeit, einem anderen Raum und das Wohlfühlen darin – mehr vielleicht als heute im Hier und Jetzt einer fragwür­digen politi­schen Kultur? Jeden­falls ist unser »Löbtauer Advent« ein bürger­schaftlich geprägtes Zusam­men­wirken für ein paar schöne Stunden. Ich habe auch nachge­sehen, was das viel genutzte »Visio­nieren« denn nun bedeutet: In der Schweiz meint es »sich (einen Film oder Ähnliches) prüfend ansehen«. Womöglich wollen wir uns die »Zukunft« genauer angucken, sie (voraus)sehen. Wir tun also gut daran, ein kriti­sches Leitbild zu erarbeiten!

Dresden?

Nunja, das ist eine sehr persönlich gefärbte Vision: Für mich steht Dresden seit meiner Ankunft hier 1998 unter dem – gar nicht negativ gemeinten – Aspekt der »Hass-Liebe«. Eine in vieler Hinsicht wunderbare Stadt; doch sie hat für mich persönlich tiefe Brüche: Wunden von Formen politi­scher Bevor­mundung in jeder Epoche, freiem Aufstreben, freiem Fall im Krieg und freiem Markt prägen die hiesige Bürger­schaft – und damit ihr Wirken in allen Bereichen, eben auch der Stadt­kultur. Sie erkennt ihre Vorzüge oft nicht. Eine von innen unsichtbare Befan­genheit gegenüber Verän­de­rungen ist spürbar: »Ach, Sie kommen aus Dresden…«, höre ich Menschen andernorts mit bedau­erndem Unterton sagen, wenn ich es verrate. Als Reaktion darauf wird nun – man darf es mögen oder nicht – die „Neue Kultur des Mitein­anders“ im Kontext der Bewerbung zur Kultur­haupt­stadt 2025 propa­giert. Damit ist die Stadt aber noch nicht lebens­werter. Vom Stadt­teil­laden des Löbtop e. V. weiß ich um die alltäg­liche kultu­relle Praxis dieses Mitein­anders. Wie aber kann man Bürger­kultur für Alle weiter­denken?

Stadt?

Mir hat sich diese Vision einge­prägt: Eine Stadt ist die Gesell­schaft der Menschen und ihrer Häuser. Stadt­kultur ist Bürger­kultur. In Dresden gehören die meisten Häuser nunmehr großen Gesell­schaften und nur wenigen echten Bürgern dieser Stadt. In Löbtau etwa wohnen viele Eigen­tümer westwärts und sind für lokale Kultur­be­lange kaum erreichbar. „Polis“ nach griechi­schem Vorbild ist der Ort der Vielen. Wir wissen heute, dass in Griechenland nicht alle mitbe­stimmen durften und dürfen. Wir wissen aller­dings auch, dass wir heute mehr denn je zu einer geteilten Lebenswelt Stadt in der Lage sind. Die Stadt für Alle. Dank neuer, z. T. digitaler, Formen des Mitein­anders. Dresden braucht demnach, finde ich, mehr soziales Rückgrat unter seinen Bürgern, mehr Eigentum, mehr Selbst­be­stimmung und mehr Aufrich­tigkeit.

Einige Stadt­teile gehen beispielhaft voran mit Büger­initia­tiven und Stadt­teil­ver­einen. So auch Löbtau, wo es schon nach der Wende die »IG Löbtau« gab, aus der u. a. diese Zeitung hervorging. In der Zukunfts­stadt wird das Etablieren stadt­weiter Stadtteil- und Quartiers­ma­nager mit jeweils eigenen Bürger­fonds disku­tiert. Diese wurden bereits in der »Löbtauer Runde« vorge­stellt. Nicht »Smart City« (totale Vernetzung), sondern »Urban Commoning« (städti­sches Gemein­wesen) muss wachsen!

2030?

Ich selbst werde in dem Jahr 52 Jahre alt: Bergfest. Ob ich da noch in Dresden bin oder woanders in der Welt – mal sehen. Die Welt könnte in meinen Augen jeden­falls anders aussehen. Was ist in zwölf Jahren; vor zwölf Jahren hatte ich gerade mein erstes Handy und noch nicht lange einen eigenen Computer. Viel Zeit zum Entwi­ckeln! Wir haben dann vielleicht eine Welt mit nachbar­schaft­lichen Bürger­ver­tre­tungen, was o.g. Vernetzung der Stadt­teil­vereine anstrebt. Der Bauer wohnt womöglich auf der nächsten Brache und Brachen sind kulturell akzep­tiertes Revita­li­sie­rungsland, wie es die Bürger­gärten auch in Löbtau vormachen. Autos sind dereinst ein schlechter Witz unserer Großeltern und Eltern – ein Hoch auf den »Bürger­bou­levard« Kessels­dorfer Straße, für den die Umbauten zur sog. »Zentral­hal­te­stelle« ein Vorspiel darstellen! Und Digita­li­sierung ist bald ein wichtiger, aber manchmal peinlicher Zwischen­schritt der Evolution in unserer Jugendzeit, weshalb wir gerade ein ganzheit­liches Bürgernetz für Löbtau innerhalb der Zukunfts­stadt konzi­pieren. Wir sind dann eben nachhaltig, ohne es so zu nennen und leben in einer Vision der Kommu­na­lität.

Vision

Ich sehe insbe­sondere in unserer Bürger­arbeit in Löbtau »Community Design«, einen im nachbar­schaft­lichen Gestalten ausge­drückten gemein­samen Willen, die Vision von einem Zusam­men­leben, die meines Erachtens grund­po­li­tisch ist. Digitale und soziale Medien bilden heute die Grundlage für eine breite kommunale Wirksamkeit der Teilneh­menden wie auch der Kommune selbst. Betei­ligung auf, an und in allen Ebenen des urbanen Lebens macht den viel gefor­derten Gemeinsinn aus.

Mit den aufrich­tigen Beiträgen der vielen Teilneh­menden kann das Programm Zukunfts­stadt genau diese Eigen­schaften der Akteure bewusst stärken und deren Selbst­or­ga­ni­sation fördern. Im Löbtop e. V. gibt es das Pilot­projekt »Mit Sprache!« – und das passt doch ­perfekt!

Zum Reinschnuppern bietet sich löbtop.de oder das nächste Plenum im Stadt­teil­laden an.

Steffen Dietrich

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