Villa Freisleben: 100 Jahre Zeitgeschichte

Veröffentlicht am Mittwoch, 17. August 2016

Hier bin ich getauft worden, erzählt Christian Freisleben und zeigt den Journalisten Schwarz-Weiß-Aufnahmen von damals. Daran erinnert im heutigen Foyer der Villa Freisleben an der Loschwitzer Straße kaum noch etwas, auch den Kronleuchter vom Foto gibt es nicht mehr. Der heute 83-Jährige ist am 4. August mit seiner Frau Rosemarie an den Ort seiner Kindheit zurückgekehrt, weil es einen 100. Geburtstag zu feiern galt: 1916 wurde die Villa im Auftrag der Familie Freisleben im Stil des Neoklassizismus mit vielen Jugendstilelementen erbaut. Sie gehört bis heute zu den repräsentativsten Villen in Blasewitz und reiht sich ein in die architektonischen Kleinode rund um den Waldpark.

Christian Freisleben und seine Frau Rosemarie trafen sich zum 100. Geburtstag der Villa mit Dr. Rainer Maas (r.), Geschäftsführer der Wiener Aaron Holding. Foto: Pohl

Christian Freisleben und seine Frau Rosemarie trafen sich zum 100. Geburtstag der Villa mit Dr. Rainer Maas (r.), Geschäftsführer der Wiener Aaron Holding.

Foto: Pohl

»Hier bin ich getauft worden«, erzählt Christian Freis­leben und zeigt den Journa­listen Schwarz-Weiß-Aufnahmen von damals. Daran erinnert im heutigen Foyer der Villa Freis­leben an der Loschwitzer Straße kaum noch etwas, auch den Kronleuchter vom Foto gibt es nicht mehr. Der heute 83-Jährige ist am 4. August mit seiner Frau Rosemarie an den Ort seiner Kindheit zurück­ge­kehrt, weil es einen 100. Geburtstag zu feiern galt: 1916 wurde die Villa im Auftrag der Familie Freis­leben im Stil des Neoklas­si­zismus mit vielen Jugend­stil­ele­menten erbaut. Sie gehört bis heute zu den reprä­sen­ta­tivsten Villen in Blasewitz und reiht sich ein in die archi­tek­to­ni­schen Kleinode rund um den Waldpark.

Mit der Villa eng verbunden ist die Geschichte der Familie. Von 1916 bis 1956 lebten fünf Genera­tionen hier. Christian Freis­leben erinnert sich an gute und an schwierige Zeiten, erzählt wie im Zeitraffer eine deutsch-deutsche Geschichte. Sechs Jahre seiner Kindheit verlebte er hier, bis der Vater nach Halle an die Univer­sität berufen wurde. Nach dessen Tod wohnte seine Mutter mit den drei Kindern wieder hier. »Beim Bomben­an­griff 1945 war hinter dem Holzzaun eine Flieger­bombe explo­diert. Das Haus hatte überall Risse bekommen, Mauer­stücke waren rausge­flogen«. Aus Sorge, das Gebäude würde einstürzen, zog die Mutter mit ihren Kindern aus. Großmutter Anna blieb wohnen, auch Ausge­bombte waren zeitweilig hier unter­ge­bracht. In Kindheits­tagen wurde im Garten und im Waldpark gespielt, auf den Tennis­plätzen konnte man im Winter Schlitt­schuh fahren. Die Familie führte damals die erste Metall­schei­de­an­stalt Europas und die älteste deutsche Blatt­gold­schlä­gerei, gegründet 1830. Christian Freis­leben erbte nach seinem Abitur 1951 von Oma Anna das Unter­nehmen, das in der Dürer­straße seinen Sitz hatte. Bedingung war, dass er das Handwerk Blatt­gold­schlagen erlernte. Nach zwei Jahren musste er aus gesund­heit­lichen Gründen aufhören. Weil seine verwitwete Mutter für ihre drei Söhne keine beruf­liche Perspektive in der jungen DDR sah – »wir waren ja keine Arbei­ter­kinder« –, ging sie nach Würzburg. Im Westen sicherte eine Pension ihres verstor­benen Mannes die Ausbildung der Kinder. Christian Freis­leben wurde in Nürnberg Indus­trie­kaufmann. Seine Brüder hatten 1951 die Villa geerbt. Sie blieb immer im Privat­besitz. Hier war zeitweilig auch das Büro der Blatt­gold­schlä­gerei unter­ge­bracht, die 1972 enteignet und in den VEB Blattgold Dresden umgewandelt wurde. Im fränki­schen Wendel­stein knüpfte die Wegold Edelme­talle GmbH an die Tradition an, die heute von Jürgen Freis­leben als Famili­en­be­trieb geführt wird, einem Nachfahren der einstigen Unter­neh­mens­gründer. Bei gelegent­lichen Besuchen in Dresden zu DDR-Zeiten half manche Westmark bei der Werterhaltung des Gebäudes.

Nach der Wende ließen die Brüder die Villa von grundauf sanieren – gemäß der strengen Vorschriften des Denkmal­schutzes. Während der Zeit war Christian Freis­leben öfter in Dresden, übernachtete unterm Dach der Villa. »Ich liebe dieses Haus«, bekennt er. Das geschichts­trächtige Anwesen, von Architekt Hans Paulick entworfen, hat seine äußere Gestalt im wesent­lichen behalten. Das Innere wurde so umgebaut, dass 18 kleine Apart­ments entstanden. Seit 1994 dient es als Apart-Hotel.

Im Sommer 2009 übernahm es die Wiener Aaron Holding AG, die die Villa bautech­nisch auf den neuesten Stand brachte. Dabei wurde Wert gelegt auf den Erhalt histo­ri­scher Details. So erinnern heute noch die aufge­ar­bei­teten Stuck­decken oder die Bleiglas­fenster im ehema­ligen Musik­zimmer an die Entste­hungszeit. In der Lobby fällt ein über 90 Jahre alter Wandbrunnen ins Auge. Er ist aus Meißner Keramik und hatte in Kinder­tagen von Christian Freis­leben seinen Platz in der 1. Etage.

Christine Pohl

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